Harald Werner
Harald Werner - wer ist das eigentlich
Die Linke
 
Ankommen ...

Berlin 13. August 1940 – ein Kriegskind. Es sollte 21 Jahre dauern, bis jener 13. August kam, der das Datum zu einem historischen erhob. Dazwischen liegt etwas was nur Kriegskinder erleben und überleben können. Bombennächte, Evakuierung, Flucht, Zusammenbruch, mit Ruhr und Typhus gerade noch einmal davongekommen und mit fünf Jahren so ausgezehrt, dass die Mutter mich im Kinderwagen durch die Berliner Trümmerlandschaft schieben musste. Überhaupt, Mutter: Eine liebevolle Heldin, die am 10. Januar 2007 mit 89 Jahren von uns friedlich Abschied nahm. Sie hatte in meinen ersten sieben Jahre den Vater ersetzen müssen, weil der noch vor meiner Geburt samt Fallschirm eingefangenen und anschließend viele Jahre kanadische Bäume zu fällen hatte. Als er heimkehrte kam bald auch Gisela, meine erste und einzige Schwester. Es war keine leichte, aber eine abenteuerliche und ungemein herausfordernde Kindheit. Der erste Abenteuerspielplatz, das waren ausgebrannte Panzer und Ruinen, die ersten Ausländer trugen rote Sterne an den Eisenhüten - später waren es weiße. Und immer war alles irgendwie politisch. Die Berliner Blockade mit ihren Rosinenbombern, der 17. Juni mit den Schüssen am Potsdamer Platz, die viel leiser aber sichtlich wirksamer waren, als die im Kino. Ich bin zwischen endlos politisierenden Erwachsenen groß geworden und wurde furchtbar altklug. Zwei Dinge  haben mir damals Angst gemacht: Die mögliche Wiederholung der Sintflut, der Krieg und überhaupt die Verletzlichkeit eines friedlichen Lebens.

 

... und weglaufen

Die Schule fand ich ungemein spannend oder entsetzlich langweilig. Ständig wiederkehrende Kopfnote: „Intelligent, und lebhaft aber leicht abzulenken, nutzt seine Fähigkeiten bei weitem nicht aus“. Als dann eine höhere Lehranstalt nach mehreren  harmlosen Streichen feststellte, dass mir offenbar die nötige Reife fehle, habe ich ihr trotzig den Rücken gekehrt. Dass Weglaufen sollte sich wiederholen. So lief ich schon mit 14 von der Schulbank zum Schraubstock, dazwischen ein paar Wochen von zu Hause weg und hielt es dann doch noch sieben Jahre zwischen Eisenträgern und schmutzigen Toiletten aus. Daneben jede Menge Abendschule, Gesellenprüfung als Stahlbauschlosser, Vorarbeiter, IG-Metaller und ziemlich engagiert jugendbewegt. Die Urlaube trampend, von den Alpen bis nach Norwegen und dann auch mal für fast ein Jahr durch Jugoslawien, Griechenland und an den Bosporus. Wieder mal weggelaufen.
Erwachsen werden
Irgendwie wollte ich nicht erwachsen werden, aber dann mit Macht. Zunächst einmal aus der Maloche raus und Abendstudium Maschinenbau. Dann mit 20 Ingeborg geheiratet und zehn Monate später kam Uwe, der stimmgewaltige Erstgeborene. Maschinenbau wurde nichts, weil ich es doch mehr mit der Kreativität hatte, also Werbung an der Meisterschule für Grafik und Buchgewerbe. Das wurde was und brachte mich zunächst in die Werbeabteilung einer Versicherung und dann in die Selbständigkeit. Erst Werbeberater, dann Verleger und Chefredakteur des Wochenblatts Zehlendorfer Anzeiger und dann pleite. Einige Monate hielt es mich noch als freier Journalist in Berlin, aber dann musste endlich wieder Geld her und das brachte mich nach Wiesbaden zum Wiesbadener Kurier und schließlich zur NWZ nach Oldenburg. Als sich das erste Jahrzehnt Erwachsen werden dem Ende neigte, kam Torsten, der Zweitgeborene, bereits in den antiautoritären Kindergarten und die 67 geborene Katja folgte ihm. Bis dahin war ich mit allem ziemlich früh dran, jetzt wurde ich Nachzügler. Mit 30 begann ich wieder zu studieren und als die Promotion fertig war, zählte ich stolze 37, war bereits geschieden und schon Jahre in Heidi verliebt. Woran sich nichts geändert hat.

Politik – Wissenschaft – Politik und so weiter

Eigentlich war ich immer politisch und auch links, aber erst die 68er machten daraus einen politischen Linken. Aus dem Gewerkschafter wurde ein Gewerkschaftsfunktionär und der Juso-Funktionär mauserte sich zum  Apo-Aktivisten, den mein letzter Chefredakteur denn auch auf die Straße setzte. Also sagten meine Genossen vom SDS, „jetzt musst du studieren!“ Nichts lieber als das, was meine Gewerkschaft finanziell großzügig förderte, weil das die beste Voraussetzung bot, mich noch mehr in die Bildungsarbeit einzuspannen. Prompt wurde ich auch noch Studentenfunktionäre, musste mich in den Gründungsausschuss der Universität Oldenburg wählen lassen und da sich der SDS von der politischen Bühne verabschiedete, traf man sich  im MSB Spartakus wieder, wo man dann näher an der Arbeiterklasse, das heißt an der DKP dran war. Natürlich habe ich nicht nur die Universität mit gegründet und jeden Mittwochnachmittag das Kapital studiert, sondern auch noch Soziologie, Pädagogik, Psychologie, Philosophie und einiges mehr, was man so brauchte um ein Diplom mit Auszeichnung zu machen. Bei der Promotion blieb die Auszeichnung weg, aber sehr gut reichte schließlich auch, um gut gerüstet auf die Suche nach einer Assistenten- oder Hochschullehrerstelle zu gehen. Das dauerte, denn obwohl ich mehrfach auf den ersten Platz einer Berufungsliste rückte, geruhte der Minister jeweils den zweiten oder gar dritten zu nehmen. Das dauerte mehr als fünf Jahre, dann bekam ich gerichtlich bestätigt, dass Zweifel an meiner Treue zum Grundgesetz bestünden, weshalb ich selbst als Lehrbeauftragter nicht mehr geeignet sei. Davon konnte man zwar auch nicht so richtig exstieren, aber zumindest von und mit der Wissenschaft leben.
Das war nun vorbei und da die DKP schon immer gefunden hatte, dass sich niemand besser zum Berufsrevolutionär eignete, als ein promovierter Stahlbauschlosser, wurde ich einer. Da war ich denn schon 43, hatte nicht nur den Ansatz einer Glatze, sondern auch schon eine ganze Reihe von Veröffentlichungen und ziemlich gute Arbeitsbeziehungen zum IMSF, dem Institut für Marxistische Studien und Forschungen in Frankfurt am Main. Das war gut und auch wieder nicht, weil mich das schon früh auf die schiefe Bahn der Gorbatschow-Anhänger und – gewissermaßen zur Bewährung – für ein Jahr zum illegalen Studium nach Berlin brachte. Das war dann das Ende meiner revolutionären Laufbahn, da ich in der Bewährung ideologisch straffällig und untauglich geworden war, für die Verteidigung des real existierenden Sozialismus. Als der dann ein Jahr später selber untauglich wurde, verdiente ich das erste Mal nach fast 20 Jahren richtig Geld, in einem kleinen Hamburger Forschungsprojekt des BdWi, des Bundes Demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

 

Nach dem realen der demokratische Sozialismus   

Als die Erneuererströmung der DKP endlich aus ihrer Illegalität herausgetreten und auf dem Gipfel ihrer Entwicklung angekommen war, verschied die DDR, das Objekt des innerparteilichen Streits. Ein Trauerfall, der wenig Trauernde, aber viele Leidtragende zurückließ. Die meisten Erneuerer der DKP verloren sich sehr schnell im Privaten, einige wenige gründeten das sozialistische Forum und eine verschwindende Minderheit fand von dort aus den Weg zur PDS. Im Sommer 1990 konnte man sie an zwei Händen abzählen. Viele andere, aus dem bunten Spektrum der Westlinken, waren da deutlich schneller, und vor allem erfolgreicher. Mich hielt es vorerst in Bremen, wo ich zunächst den PDS Landesverband mit aus der Taufe hob, aber meinen Wissenschaftsladen weiter betrieb, während Heidi als Mitarbeiterin der ersten Bundestagsgruppe nach Bonn ging. Als sie 1994 gebeten wurde für den Bundestag zu kandidieren, fand ich das gut, aber sie fand es noch besser, wenn ich auch nach Bonn ging. Also wechselte ich wieder mal von der Wissenschaft in die Politik, was für uns beide gut, für die PDS auch nicht schlecht und für die Wissenschaft sicher unerheblich war.

Als der Bundestag nach Berlin zog, zogen Heidi und ich mit, womit sich wieder einiges änderte. Heidi wurde 2002 Senatorin für Gesundheit und Soziales und ich arbeitslos, weil die PDS mit Ausnahme von zwei Abgeordneten aus dem Bundestag flog. Für Heidi änderte sich viel, für mich weniger. Als für die Bildungsarbeit der Linken verantwortliches Mitglied des Parteivorstandes blieb ich bei meiner üblichen Arbeitswoche, wenn auch ohne Bezahlung. Heidi schied 2009 aus dem Senat aus und ist bis heute ehrenamtliche Landesvorsitzende der Volkssolidarität - ich weiter Beauftragter des Parteivorstandes für politische Bildung.

Fortsetzung folgt.

Was erst wie ein Mädchen aussah ...

...war sichtbar ein Junge

Einschulung
...und musste in die Schule

Stolz mit kleiner Schwester

Die erste Pfeife in Schweden

Torsten und Uwe – saubere Jungs

Katja

89. Geburtstag

Mit Heidi hoch hinaus ...

... und zur Demo

Als Hintergrundarbeiter

Heidi unüberhörbar

3. Berlin-Marathon