Harald Werner
Harald Werner - wer ist das eigentlich
Die Linke

Offene Fragen in der geschlossenen Abteilung

 

 

 

 

Das erfolgreiche Scheitern einer Kaderperspektive

 

Vorwort

 

 

Also: Erfolg oder Scheitern? Das Verwirrende ist, dass man keine Gesamtrechnung aufmachen kann. Das Vermächtnis unserer eigenen Reformation ist kein  Marmor-Mausoleum. Es ist die Verpflichtung, die Geschichte voranzutreiben: für das Leben und gegen den Tod, für Offenheit und gegen das, was versperrt ist, für auf Unterschieden beruhende Gleichheit, für die Selbstbestimmung der Völker, für die Befreiung der Erde von der schweren Bürde derjenigen, die sie zerstören.

Todd Gitlin, Ein Rückblick auf die amerikanische 68er Revolution am Ende der Reagan-Ära

 

 

 

Wer früher von Biesdorf sprach, als es noch ein beschaulicher Vorort im Süden der Hauptstadt der DDR war, dachte vor allem an das Griesinger-Krankenhaus, eine weiträumige Klinikanlage für psychisch kranke Menschen, im Volksmund schlicht Klapsmühle genannt. Doch das Griesinger war eine weitgehend offene, keine der üblichen geschlossenen Anstalten. Trotzdem verbarg sich auf dem großflächigen Terrain eine geschlossene Abteilung mit besonderen Sicherheitsmaßnahmen, die paradoxerweise keinen psychiatrischen, sondern ideologischen Zwecken diente. 1970 als Außenstelle des Franz-Mehring-Instituts der Universität Leipzig gegründet, absolvierten an der später Franz-Mehring-Schule genannten Einrichtung bis 1989 rund 1.000 westdeutsche Kommunistinnen und Kommunisten einen Jahreslehrgang, der sie überwiegend auf hauptamtliche Tätigkeiten im Parteiapparat vorbereiten sollte. Glaubt man den Angaben des Verfassungsschutzes, müssen 3.000 weitere Funktionäre hinzugerechnet werden, die Monats- oder Dreimonatskurse absolvierten.[1] Diese beim Verfassungsschutz als Kaderschmiede registrierte Einrichtung wurde ihrer Bezeichnung als geschlossene Abteilung insofern gerecht, als sie nicht nur hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen war, sondern auch ein geschlossenes Weltbild zu vermitteln suchte. Das wurde ab Mitte der 1980er Jahre umso schwieriger, je mehr dieses Weltbild durch offene Fragen erschüttert wurde, die vor allem Gorbatschows Perestroika aufwarf. Wobei sich der Lehrkörper als wesentlich flexibler erwies als der größere Teil der Lernenden. Denn nachdem der Hamburger Parteitag der DKP im Mai 1986 mit einem Desaster geendet hatte und den Beginn eines Parteikampfes signalisierte, verwandelte sich die Kaderschmiede in einen Kampfplatz der Kader. Die zwischen ihnen aufbrechenden Feindschaften nahmen dramatische Formen an, wie sie zwei Jahre später die ganze Partei erfassen sollten.

Ich war in dieser Zeit Vorsitzender eines der wichtigsten Musterkreise der DKP mit etwa 500 Mitgliedern und einem Kommunalwahlergebnis von 7,6 Prozent, sollte demnächst eine Führungsaufgabe im zentralen Parteikader übernehmen und war ursprünglich für ein Studium an der Lenin-Schule in Moskau angemeldet. Doch die von Hardlinern dominierte Kaderabteilung sperrte sich, nachdem ich in Verdacht geraten war, die ideologischen Grundlagen der Partei infrage zu stellen. Und weil sich die Hardliner mit ihrer Absicht zur Beendigung meiner Kaderperspektive nicht durchsetzen konnten, einigten sich die Kontrahenten im Sekretariat des Parteivorstandes auf einen Bewährungsaufenthalt in Biesdorf. Weihnachten 1986 erhielt ich die Order, mich innerhalb von 14 Tagen an der Franz-Mehring-Schule in der Hauptstadt der DDR einzufinden.

Was dann 1987 in Biesdorf geschah, welche Unvereinbarkeiten dort aufeinandertrafen und heute kaum vorstellbare Disziplinierungsmaßnahmen auslösten, sind eine eigene Geschichte wert, die ich lange Zeit nicht schreiben konnte und dann nicht mehr schreiben wollte. Sie war zu unwirklich und später dann zu unbedeutend angesichts dessen, was in und nach der Wende von 1989 geschehen war. Das änderte sich, als im Mai 2009 bekannt wurde, dass der Westberliner Kripo-Beamte Heinz Kurras, der Benno Ohnesorg erschoss, nebenbei der Stasi diente. „Plötzlich fragen sich eine Menge Leute“, so die Autoren einer Titelgeschichte des SPIEGEL, „ob sie das falsche Leben gelebt haben. Ob sie genauso gehandelt hätten, wäre ihnen bewusst gewesen, dass Kurras nicht braunen Träumen nachhing, sondern roten?“[2] Vermutlich hätte es kaum eine Rolle gespielt, weil sich die roten Träume damals eher an Ho Chi Minh und Che Guevara als ausgerechnet an Walter Ulbricht orientierten. Aber die Frage nach dem „falschen Leben“ ließ mir keine Ruhe, weil sie sich ständig wiederholte, wenn die Geschichte der westdeutschen Linken nach 68 wieder einmal neu oder umgeschrieben werden sollte. Stets wurde der Eindruck erweckt, als habe es sich dabei um eine Art kollektiver Psychose gehandelt, die, wenn schon nicht in die RAF, so doch ins Lager „kommunistischer Verfassungsfeinde“ führte. Plötzlich begann ich mich zu fragen, was uns wirklich bewegt hatte, eine so genannte bürgerliche Karriere auszuschlagen, Mitglieder einer Partei zu werden, die von der DDR subventioniert wurde, die wir, obwohl wir dort nicht hätten leben wollen, trotzdem leidenschaftlich verteidigten, als wäre es genau das, was wir uns ersehnten? Wir nahmen Berufsverbote hin und wurden hauptamtliche Funktionäre, so genannte Berufsrevolutionäre, was eine schlechte Umschreibung für grenzenlose Arbeitszeiten, miserable Bezahlung und meistens auch fehlende Rentenansprüche war (was man schon vorher wusste und akzeptierte!). Die meisten von uns hatten exzellente Studienergebnisse oder waren überdurchschnittlich qualifizierte Facharbeiter und trotzdem mühten wir uns mit einem politischen Tagesgeschäft ab, das mehr Hohn und Spott als wirkliche Erfolge brachte. Wobei viele von uns aus der 68er Bewegung zur DKP gefunden hatten, antiautoritär politisiert wurden und sich im Laufe der Jahre immer stärker fragten, wie weit sie den Kurs dieser Partei noch rechtfertigen könnten, ohne ihre eigene Identität zu verlieren.

Niemals stellten sich mir diese Fragen so vordringlich wie damals in Biesdorf. Mein Bewährungsaufenthalt ist seinerzeit, wie man so schön sagt, mit Pauken und Trompeten gescheitert. Nicht nur hinsichtlich der in mich gesetzten Erwartungen der DKP-Führung, sondern es scheiterten auch meine politischen Sinngebungen und Ideale. Wenn ich dieses Scheitern heute als erfolgreich bezeichne, dann ausschließlich, weil es sich um eine schöpferische Zerstörung handelte, eine Enttäuschung, die Täuschungen beseitigte und neue, aber auch tiefere Einsichten eröffnete. Das daraus entstandene Buch ist deshalb auch keine Rechtfertigung. Es ist ein Versuch, Prozesse verständlich zu machen, die in ihrer Vielfältigkeit und Ambivalenz wahrscheinlich nur zu verstehen sind, wenn man sich der Geschichte durch Geschichten nähert.

Das in der Unterzeile des Titels aufgeführte „erfolgreiche Scheitern“ ist mehr als eine originelle Metapher, sondern ist der eigentümlichen Dialektik geschuldet, die das sozialistische Projekt seit zwei Jahrhunderten prägt. Denn aufs Ganze gesehen sind seine gescheiterten Versuche Voraussetzungen seiner Fortsetzung. Schon „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ von Marx schildert dieses erfolgreiche Scheitern an Hand der proletarischen Revolutionen des 19. Jahrhunderts. Sie “kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche“ und „schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen: Hic Rhodus, hic salta! Hier ist die Rose, hier tanze.“[3] Wie so mancher Gedanke der Klassiker verloren ging, geriet im verstaatlichten Sozialismus auch die Dialektik von Versuch und Irrtum in Vergessenheit. Und natürlich gilt Marx‘ Satz nicht nur für das sozialistische Projekt, sondern mehr noch für seine lebendigen Akteure. Grausam-gründliche Selbstverhöhnung und das Zurückschrecken vor einem neuen Versuch scheinen die Regel zu sein. Und auch davon handelt diese Erzählung, weil sie über Biesdorf und das bald nachfolgende Scheitern der DDR wie der von ihr subventionierten DKP hinausgeht.

Überhaupt ist Biesdorf in dieser autobiografischen Erzählung nicht mehr als eine Folie, die benutzt wird, um meinen persönlichen Weg dort hin verstehbar zu machen. Gleichzeitig nehme ich die literarische Freiheit für mich in Anspruch, um mit konstruierten, aber nie frei erfundenen Dialogen auch theoretische Probleme des marxistischen Diskurses in dieser Zeit verständlich zu machen. Grundlage dafür sind jede Menge Kladden mit Gesprächsnotizen, Mitschriften und Referatsvorbereitungen, aber auch zahlreiche, während des Schreibens mit früheren Genossinnen und Genossen geführte Gespräche, ohne die dieses Buch nie zustande gekommen wäre. Viele Informationen verdanke ich dem Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-DDR), das zahlreiche Dokumente über die Beziehungen zwischen DKP und SED enthält, und paradoxerweise auch dem Verfassungsschutz, der das Franz-Mehring-Institut und die spätere Franz-Mehring-Schule aufmerksam beobachtete.[4] Soweit die Biografie der handelnden Personen bekannt ist, benutze ich ihre Klarnamen, ansonsten sind Namen oder Wohnorte fiktiv , um unliebsame „Enttarnungen“ auszuschließen. Gleichzeitig muss ich dem im Text vermittelten Eindruck entgegentreten, als sei ich der eigentliche Akteur der Biesdorfer Ereignisse gewesen und die anderen nur Mitwirkende. So hat es zwar später die Düsseldorfer Kaderabteilung gesehen, aber in Wirklichkeit haben wir alle miteinander nur mitgewirkt in einem Drama, das auch ohne uns stattgefunden hätte. Insgesamt bitte ich bei allen Beteiligten um Nachsicht, denn die geschilderten Vorgänge sind lediglich Ausschnitte ungleich komplexerer Biografien. Was natürlich auch für den Autor gilt, der zugeben muss, sich im Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten linker Politik, nicht nur selbstkritisch verhalten zu haben.

 

1. Kapitel

Weihnachten war wieder einmal viel zu warm gewesen und als wir Silvester meinen Abschied feierten, konnten wir mit unseren Freunden lange auf der Straße stehen, um das Feuerwerk zu beobachten. Wobbel trug wie gewohnt einen Strauß Raketen im Arm, sprang damit durch den Garten, zündete eine nach der anderen und rief jedes Mal: „Der Friede muss bewaffnet sein.“ Nach meinem ebenso spektakulären wie unrühmlichen Rücktritt als Kreisvorsitzender wollten mir einige meiner Freunde noch einmal den Rücken für Biesdorf stärken, wo ich in den nächsten Tagen eine Art Bewährungsqualifizierung antreten sollte. Steffen und Heide brachten meine Gefühle auf den Punkt, indem sie mir einen zum Gartenzwerg mutierten Helmut Kohl schenkten, versehen mit dem Etikett: „Wie schön ist doch der Knast, wenn du die Freiheit vor Augen hast.“ Die Ironie passte und überhaupt war es eine wunderbare Feier. Herbert Mies hatte später davon erfahren und Wobbel im Präsidium angeknurrt: „Musstet ihr euch da wieder mal zusammenrotten?“ Offenbar war es bereits eine Zusammenrottung, wenn die Genossen Gautier, Gehrcke und Lehndorff mit uns gemeinsam Silvester feierten.

Als ich in Biesdorf die S-Bahn verließ, mischten sich bereits Schnee und Regen zu einem trüben Schleier, den die wenigen, ein mattes Gelb ausstrahlenden Straßenlaternen kaum aufhellen konnten. Der Geruch aus Zweitakterabgasen und Braunkohlenrauch tat das Übrige. Der Arbeiter- und Bauernstaat begrüßte mich mit der bekannten Tristesse, ohne dass mich das sonderlich bedrückte. Im Gegenteil, irgendwie verband sich diese Schäbigkeit mit der Erinnerung an Herzlichkeit und Freundschaft. Für mich war es das Land, in dem Facharbeiter Kombinatsdirektoren wurden und in Plattenbauten wohnten. Ein Land mit gemächlichem Arbeitstempo, Kleinstädten mit anspruchsvollem Theater und nichts sagender Architektur, mit zu kleinen Wohnungen und zu großen Transparenten. Ich mochte diese Republik, aber leben hätte ich hier nie gewollt. Und genau das stand jetzt an. Ein ganzes Jahr lang sollte Biesdorf meine zweite Heimat sein, und auch das hatte ich nie gewollt. Noch im Sommer war die Entscheidung gefallen, mich für ein Jahr zum Studium nach Moskau zu schicken. Gewissermaßen der letzte Schliff für die Ideologieabteilung in Düsseldorf. Doch nach meinem Rücktritt überschlugen sich die Ereignisse. Zunächst war Willi Gerns noch damit einverstanden, dass ich bis zum Studienbeginn in Moskau mein Buch zur Sozialpsychologie fertig schrieb, aber dann kam alles anders.

In den Wochen vor Weihnachten tobten hinter meinem Rücken in der Düsseldorfer Parteizentrale heftige Kämpfe über meine politische Zukunft. Schließlich wurde beschlossen, dass ein Studium im Land von Glasnost und Perestroika nicht in Frage kam. Vielmehr setzten die Hardliner durch, dass mein Studienjahr ausgerechnet in jenem Land stattfinden sollte, das Glasnost und Perestroika auf seine Giftliste gesetzt hatte. Entweder Biesdorf oder gar nichts mehr. Ich hatte mich in den Wochen vor Weihnachten nach Lauenburg geflüchtet, um mit Heidi im Wochenendhaus von Christiane und Wobbel Urlaub zu machen und bei langen Spaziergängen auf dem Elbdeich nicht nur klare Luft, sondern auch Ruhe zu finden. Es war ein ziemlich verpatzter Urlaub. Die Konflikte der letzten Monate hatten mich dünnhäutig gemacht und einmal krachte es zwischen Heidi und mir so kräftig, dass nur nach vielen Tränen die gemeinsame Rückfahrt nach Oldenburg  möglich war. Zu Haus angekommen geschah, was ich längst schon befürchtet hatte, nämlich ein Anruf aus Düsseldorf. Das Sekretariat hatte mich in Biesdorf angemeldet. Als der Beschluss für mein Studium in Moskau gefallen war, hatte ich meine Zustimmung davon abhängig gemacht, dass auch Heidi mitfahren könne. Nun hatte zwar sie das Ticket für Moskau in der Tasche, aber ich den Parteiauftrag, meine Koffer für Biesdorf zu packen.

Der im Neonlicht des S-Bahnhofs vor sich hin tuckernde Barka war nicht zu übersehen und der etwas übergewichtige Fahrer in seinem braunen Steppanorak auch nicht. So sahen sie aus, die Kollegen aus den Fahrbereitschaften für die untere Leitungsebene. Ich bemerkte, dass noch drei weitere mit Koffern und Taschen bepackte S-Bahnfahrgäste auf ihn zusteuerten – unverkennbar westdeutsche DKP-Genossen. Ich kannte niemanden. Der Fahrer war herzlich, als würde er alte Bekannte abholen, verstaute unser Gepäck und holperte anschließend mit uns und seinem Barka über nasses Kopfsteinpflaster und ausgestorbene Straßen Richtung Griesinger Krankenhaus. Zu dieser Zeit und bei diesem Wetter war niemand unterwegs, der es nicht musste. Wir alle mussten. Dann ein großes Parkgelände mit halbhohen Mauern, einem Schlagbaum mit Vopo-Posten und einer Ansammlung einstöckiger Häuser aus roten Klinkern, wie man sie um die Jahrhundertwende für im Grün liegende Krankenhäuser gebaut hatte. Es war ein Krankenhaus für psychisch gestörte Patienten. Raffiniert wie die Genossen waren, hatten sie das Franz-Mehring-Institut der SED in einem Teil des Griesinger-Krankenhauses untergebracht. Wobei das Krankenhaus selbst eine offene Anstalt war, während wir sorgsam eingezäunt wurden.

Nach dem ersten Fremdeln sollte sich die Anlage als recht komfortabel erweisen. Schon an der Pforte gaben wir unsere Pässe ab und verteilten uns nach einem bereits vorliegenden Belegungsplan auf die zweigeschossigen Klinkerbauten. Die Häuser besaßen kleine Doppel-Appartements für jeweils zehn bis zwölf Bewohner, einen großen Aufenthaltsraum und eine Gemeinschaftsküche, die freilich keine Kücheneinrichtung, sondern überdimensionierte Kühlschränke besaß, in denen Unmengen an Bier- und Wasserflaschen lagerten. Man sortierte sich, wer mit wem welches Zimmer teilen wollte und nur ich hatte das Privileg eines Einzelzimmers mit dem leeren, ursprünglich Heidi zugedachten Bett. Als die Sachen verstaut waren und alle ihre Befangenheit mit lauten Reden überwunden hatten, lümmelten wir uns in die orangefarbenen Polstergarnituren des Aufenthaltsraums, blinzelten in die Kronleuchter irgendeines VEB-Einrichtungskombinats und köpften das erste Berliner Pils. Die wenigsten kannten sich, einige hatten voreinander gehört und alle wussten, dass wir hier ein Jahr miteinander auskommen mussten. Isabell aus Hamburg, deren Freund aufgrund ehemaliger RAF-Kontakte im letzten Moment zu Hause bleiben musste - Sicherheitsrisiko wegen lückenloser Überwachung durch den Verfassungsschutz. Jörg, Buchhändler aus dem Ruhrgebiet, dann Jens, ein argloser Maler aus Delmenhorst, den ich noch aus APO-Zeiten kannte, die leise Renate, ehemals SDAJ-Landesvorsitzende, und Magda, die Krankenschwester aus Köln. Ziemlich schnell stellte sich heraus, dass die meisten von uns das hatten, was man eine Kaderperspektive nannte; wir waren vorgesehen für irgendein Bezirkssekretariat, den Apparat des Parteivorstandes oder was sich in den Strukturen sonst noch fand. Aber alle hatten gleichzeitig das Gefühl, hier einer Bewährung ausgesetzt zu sein, hinter der eine gute Portion Misstrauen steckte.

Die Partei hatte sich in den letzten Jahren auf eine eigenartige Weise verändert. Sie war stärker, aber in sich auch widersprüchlicher geworden. Die Friedensbewegung brachte neue Mitglieder und neue Ideen und fast hätte man den Eindruck eines belebenden Aufschwungs haben können. Zumal aus der Sowjetunion Ideen kamen, die Fenster öffneten und Türen aufstießen. Doch so sehr sich der Apparat auch von der Friedensbewegung tragen ließ und in Erinnerungen an die Ostermarschbewegung schwelgte, so sehr wuchs auch sein Misstrauen gegenüber all dem Neuen. Das galt vor allem für die so genannte FDJ-Generation aus den 1950er Jahren, die immer schon mehr in der DDR als im eigenen Land zu Hause war und an der kurzen Leine der SED lief. Noch gab es keine Erneuererbewegung in der Partei, aber „unsichere“ Zonen, Bezirke und Kreise, in denen Vorsitzende neue Wege gingen und eine für den Apparat verdächtige Sympathie für Glasnost und Perestroika hegten. Es waren die von ihnen aufgeworfenen Fragen, die den Apparat unruhig machten. Unbequeme Fragen an die Geschichte der Kommunistischen Parteien und Zweifel an der aktuellen Programmatik. Auch hier, in den orangefarbenen Sitzmöbeln unseres neuen Wohnzimmers, erkannte man sich beim ersten orientierenden Gespräch an bestimmten Stichworten wie etwa der Betonung „neuer Fragen“ und „drängender Menschheitsprobleme“, die allesamt dem Vokabular von Gorbatschows Neuem Denken entlehnt waren.  Es war noch keine Stunde vergangen, da war schon klar, dass die Kritiker und Zweifler bei uns in der Mehrheit waren.

Später habe ich häufig an diese abtastende Stunde denken müssen, weil sich damals bereits abzeichnete, wie unser Jahr enden würde. So knüpften sich sehr schnell lockere Freundschaften. Kleine Gespräche auf dem Weg ins Seminar, kurze Spaziergänge zu zweit oder dritt über das Gelände und ein sich herausbildendes Einverständnis, welche Konflikte vermieden werden sollten und welche man wagen wollte, um die Erneuerung der DKP ein einen Schritt voran zu bringen. Der vorangegangene Lehrgang war in einem großen Krach geendet, weil die Lager in einen Konflikt steuerten, der sich vor allem an Nebensächlichkeiten festgemacht und irrationale Formen angenommen hatte. Mich erinnerten die Berichte eher an einen Lagerkoller, als eine politische Auseinandersetzung, aber wer kann das schon trennen. Auf jeden Fall drehten sich unsere Gespräche in den ersten Tagen hauptsächlich um die Frage, wie wir diesem Schicksal entgehen könnten. Auseinandersetzung - ja, sie wird sich nicht umgehen lassen, aber inhaltlich präzise, nicht provozieren lassen, keine falsche Fehler machen. Außenstehende würden das nie begreifen, dachte ich. Immerhin sind wir freiwillig hier und die meisten so hoch qualifiziert, dass sie nicht gerade bei der DKP arbeiten mussten. Wie kann man jemandem erklären, warum ausgerechnet wir uns einer solchen Disziplin unterwarfen?

*

Bei mir fing alles damit an, dass ich irgendwann Mitte 20 begonnen hatte, „andere“ Bücher zu lesen. Das war 1965 in Nordenham, einer kleinen Industriestadt an der Unterweser schräg gegenüber von Bremerhaven, mit 27.000 Einwohnern und sechs Großbetrieben, die dafür sorgten, dass der Arbeiteranteil Nordenhams bei 70 Prozent lag. Unter die sorgsam gesammelten Titel zur Zeitgeschichte mit ihren unsystematischen Unterstreichungen mischten sich die ersten Raubdrucke von Horkheimer, Fromm, Marcuse und Habermas. Dann der kleine Mandel, Einführung in die Politische Ökonomie und schließlich ein Philosophie-Lehrbuch, das ich nach dem Umtauschkurs von 1:5 in Ostberlin erstanden hatte. Zur Lesewut kam hinzu, dass ich nie etwas für mich behalten konnte. Wer so leichtsinnig war, sich mit mir auf ein Gespräch über Politik einzulassen, musste damit rechnen, seitenweise erzählt zu bekommen, was ich gerade las. Natürlich war ich in der Gewerkschaft, auch bei den Jusos, schließlich Unterbezirksvorsitzender und in allen Zirkeln zu Hause, die sich damals, lange vor 68, zu bilden begannen. Jusos, junge Gewerkschafter, Schüler und Mitglieder der verbotenen KPD mit stadtbekannter Illegalität. Was lag näher, als zur Befriedigung meines Mitteilungsbedürfnisses einen marxistischen Lesezirkel zu gründen. Er setzte sich in dem kleinen Nordenham, wo ich in einer Außenredaktion der Nordwest-Zeitung (NWZ) arbeitete, aus den gleichen Leuten zusammen, die ich aus der DGB-Jugend, den Jusos kannte. Jeden Sonntagvormittag diskutierten wir, was ich an Literatur zusammengekauft und zur Pflichtlektüre erhoben hatte. In der kleinen Industriestadt, wo die SPD regelmäßig die absolute Mehrheit gewann, entwickelte sich dieser Zirkel erst zur linken SPD-Opposition und schließlich zur Provinz-APO.

Es war nicht nur exotisch und komisch, was damals entstand, für die meisten war es auch ein Akt der Selbstbefreiung. Sie sprangen über den Schatten ihres Elternhauses, sahen ihre Arbeit aus einer anderen Perspektive, nahmen plötzlich ihre soziale und kulturelle Benachteiligung wahr und entfalteten ein Diskussionsbedürfnis, das Eltern wie Lehrer oder Lehrmeister gleichermaßen zur Verzweiflung brachte. Zumal unsere Beschäftigung mit den Prinzipien der antiautoritären Erziehung nach praktischer Anwendung drängte.

Das erste Experimentierfeld der antiautoritären Bewegung waren natürlich die eigenen Kinder, soweit bereits vorhanden. Ich hatte früh geheiratet und mit meiner ersten Frau Ingeborg zwei Jungen bekommen. Der älteste, Uwe, war, als ich nach Nordenham kam, gerade fünf und der kleinere Torsten ein Jahre alt. Torsten war der erste, der den ebenso libertären wie mit hohen Erwartungen ausgestatteten Prinzipien der antiautoritären Erziehung ausgesetzt wurde. Die Genossin Helga, selbst Lehrerin, und ihr Kollege Karl gründeten einen Arbeitskreis Vorschulerziehung, der gemeinsam mit Eltern aus der Werkssiedlung Friedrich-August-Hütte neue Modelle vorschulischer Erziehung ausprobieren wollte. Es ging um Mengenlehre im Vorschulalter und frühkindliches Lesen. Was lag näher, als mit Torsten zu beginnen, der gerade mal zwei Jahre zählte. Ein Jahr später las er fließend die groß bedruckten Worttafeln im Kinderzimmer und mit vier Jahren jedes Buch, sofern er Lust dazu hatte, denn das war die Kehrseite antiautoritärer Erziehung: Ohne Lust lief gar nichts. Katja wurde 1967 geboren wurde, als die APO inzwischen auch Nordenham voll erfasst hatte. Sie war dann die erste, die bis zu ihrer Einschulung tatsächlich einen antiautoritären Kindergarten besuchte.

Der Arbeitskreis Vorschulerziehung, dem wir wegen der zwar proletarischen, aber nicht gerade libertären Elternschaft ausdrücklich nicht das Etikett „antiautoritär“ verliehen hatten, war ein ziemlich erfolgreiches Projekt, für das wir sogar städtische Gelder bekamen. Paradoxerweise war für die Bewilligung der Gelder eine Maßnahme verantwortlich, die ich zunächst als außerordentlich rufschädigend empfunden hatte. Der Ratsausschuss für Jugend und Bildung hatte uns zur Darstellung unseres Projekts eingeladen und Helgas Mann Dietmar hielt es für selbstverständlich, Tochter Jenny in die Ausschusssitzung mitzubringen. Jenny machte gerade ihre ersten Laufversuche; und während sie keinerlei Respekt vor der Geschäftsordnung eines Ratsausschusses zeigte, freundlich von einem zum anderen Ratsherrn krabbelte, um anschließend seine Akten vom Tisch zu zerren, zeigte Dietmar nicht die geringste Neigung, den Bewegungsdrang seiner Tochter zu bremsen. Ich war fest davon überzeugt, dass diese praktische Vorführung unserer Vorschulerziehung jede Aussicht auf einen städtischen Zuschuss zunichtemachen werde. Doch ich täuschte mich. Dank Jenny erhielten wir nicht nur Räume, sondern auch Haushaltsmittel.

Es versteht sich von selbst, dass unser antiautoritäres Vorschulprojekt subversive Absichten verfolgte, denn uns ging es weniger um antiautoritäre Pädagogik, als um eine antiautoritäre Bewegung, die alle jene gesellschaftlichen Verhältnisse umstürzen wollte, die den von Erich Fromm beschriebenen autoritären Charakter hervorbringen. Einen Charaktertyp, der nach unserer Überzeugung nicht nur für den Faschismus verantwortlich war, sondern jeder Herrschaftsordnung zu Grunde lag. Folglich musste die gesellschaftliche Umwälzung der bestehenden Verhältnisse mit der Überwindung aller autoritären Strukturen beginnen. Vor allem in der Familie, den Schulen und natürlich an den Universitäten, von denen wir allerdings noch wenig wussten. Auch die Arbeitswelt spielte dabei zunächst eine geringere Rolle, obwohl sich die Bewegung als antikapitalistische verstand. Dabei machte sich unsere Kapitalismuskritik überwiegend an kulturellen Erscheinungen wie etwa dem Konsumterror fest. Aber aus dieser Gemengelage von Kultur- und Kapitalismuskritik entwickelte sich die außerparlamentarische Opposition zu einer Bewegung mit ungeheurer Anziehungskraft, weil sie mit ihrem Emanzipationsversprechen alle sozialen Schichten erreichte und vor allem das Bildungs- und Ausbildungssystem zu ihrem Kampffeld erklärte. 

In vielen Städten von der Größenordnung Nordenhams war das Zentrum der Bewegung, sofern es keine nahe Universität gab, das Gymnasium. Doch Nordenham bestand überwiegend aus großen Industriebetrieben, so dass unser wichtigster Anknüpfungspunkt die gewerkschaftliche Jugendarbeit und die Lehrwerkstätten waren. Während der SDS in den Universitätsstädten noch mit großen und selten erfolgreichen Anstrengungen an die Arbeiterklasse heran wollte, waren wir mittendrin. Die Lehrlinge waren bei uns in der Überzahl und brannten darauf Jugendvertretungen zu wählen und die Lehrwerkstätten in Stätten der Rebellion zu verwandeln. Deshalb entzündeten sich unsere meisten Konflikte weniger an Bildungsfragen, als an betrieblichen und politischen Problemen. Im damaligen Werk von Weserflug, wo heute Segmente des Airbus montiert werden, ernannte sich die Jugendvertretung zur roten Zelle, was als erstes die Werksleitung und dann den MAD alarmierte. Es rumorte wegen der Notstandsgesetze im SPD-Ortsverein und es gab Ärger mit dem ÖTV-Sekretär, weil seine Jugendgruppe gegen den größten örtlichen Arbeitgeber agitierte, nämlich den Seehafenbetreiber Midgard, der US-Waffen nach Vietnam verschiffte. Ganz zu schweigen von den Irritationen meiner Chefredaktion, die es wenig erbaulich fand,   wenn ihr Nordenhamer Redakteur „roter Harald“ genannt wurde. Manchmal denke ich aber auch, dass die Anlässe der Rebellion damals austauschbar waren. Es ging weniger ums Konkrete, als um die Ahnung von einer großen Idee, die sich hinter den vielfachen Protestanlässen verbarg. Erst hieß sie Emanzipation, dann gesellschaftliche Veränderung und schließlich Sozialismus. Aber was das eigentlich sein sollte, ließ sich nur unscharf beschreiben.

*

 

 

 


[1] Rudolf van Hüllen, Die misslungene Aufzucht des Kaders, Festschrift zum 25-jährigen Bestehen der „Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung - Fachbereich Öffentliche Sicherheit“, ISBN 978-3-938407-20-2F

[2] DER SPIEGEL 22/2009 vom 25.05.2009, S. 42. Peter Schneider, Autor eines Kommentars zum genannten Aufmacher, schrieb gleichzeitig: “Zigtausende von westdeutschen linken Intellektuellen hätten ihre besten Jahre nicht in einer der von der DDR ausgehaltenen Parteien DKP oder SEW vertrödelt. Martin Walser und Uwe Timm hätten womöglich zweimal nachgedacht, bevor sie mit der DKP anbändelten.“

[3] Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8, S.118

[4] Rudolf van Hüllen, a.a.O.

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