Harald Werner - Alles was links ist
 

Die neoliberale Entgrenzung der Alltagswelt

Was für die Gewinner der neoliberalen Modernisierung als Befreiung erscheinen mag, nämlich die Entgrenzung unternehmerischen Handelns, die Beseitigung sozialer Mindeststandards und die Privatisierung staatlicher Leistungen, stellt sich für die Masse der Menschen als das ganze Gegenteil dar: Als Demontage sozialer Leitplanken, Zerstörung sozialer Bindungen und Zersetzung dessen, was die einen schlicht Bedrohung der Heimat und andere Gentrifizierung nennen. Überall Grenzüberschreitungen, die das einstmals Gewohnte ungewöhnlich und fremd werden lassen.

Die Gewinner der neoliberalen Modernisierung genießen vielleicht die Chance, sich ständig neu erfinden zu können, die Verlierer wären froh, wenn sie das bleiben könnten, was sie einmal gewonnen haben. Nichts ist mehr sicher. Weder der Arbeitsplatz, nicht die Zukunft der Kinder, noch die eigene Rente. Die Untergrenze des Zumutbaren ist ebenso verschwunden, wie die Hoffnung auf ein gewisses Maß an Beständigkeit.

Die Welt ist kleiner geworden

Zudem ist die Welt kleiner geworden, seit uns die grenzenlose Globalisierung nicht nur in Echtzeit an allem teilhaben lässt, was in der Welt geschieht, sondern uns auch zu Betroffenen macht. Der Terror ist nicht mehr nur im Fernsehen, er ist grenzenlos geworden und die Massenmedien tun alles, um es uns begreifbar zu machen. Längst ist die Zeit vorbei, als der Bürger noch gelassen sein konnte, wenn hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen“(Goethe) Denn die Globalisierung hat auch den Krieg entgrenzt.

Wie berechenbar war dagegen noch der Kalte Krieg, als sich die Welt in überschaubare Lager teilte. Land für Land ließ sich ausmachen, wer wo und gegen wen stand und nichts war sicherer als die gegenseitige Abschreckung.  Aber heute gibt es keinen einzigen Krieg, der zwischen Ländern geführt wird, sondern wir sind umzingelt von hybriden Bürgerkriegen, wo überall der Terrorismus zu lauern scheint. Und dann kommen die Flüchtlinge aus den Zonen des Terrors und lassen die Menschen sinnlich erfahren, wie nah die Bedrohung ist.

Flüchtlingsdrama

Das Drama der Flüchtlinge ist, dass sie zur konkreten Projektionsfläche der vielen imaginären Ängste gemacht wurden, vor denen die Menschen bereits kapituliert haben. Und die Flüchtlinge sind nicht nur greifbar, sondern auch angreifbar. Man kann sie vergraulen, ihnen das Leben schwer machen oder am besten hinter Stacheldraht aussperren. Und sie sind keine innerstaatliche Minderheit, sondern kommen von außen, sind keine Ansässigen, sondern ausgesetzte Fremde. Es hilft ihnen nicht, den Todsgefahren in der Wüste oder auf dem Meer getrotzt zu haben, sondern genau dies schürt die Angst, dass da entschlossene Menschen, also Konkurrenten kommen.

Dass dies alles seinen Schwerpunkt in Ostdeutschland und überhaupt im europäischen Osten hat, ist nicht ohne Ironie. Schreien doch gerade diejenigen am lautesten nach Grenzen, die vor kurzem noch den Wegfall ihrer Grenzen bejubelt haben. Doch selbst das entbehrt nicht einer gewissen Logik. Mit dem Niedergang des verstaatlichten Sozialismus ist nicht die ihm eigene Staatsgläubigkeit untergegangen, sondern die eine Staatsmacht wurde nur gegen eine andere ausgetauscht. Versagt diese wird sie mit Liebesentzug bestraft. „Wir sind das Volk“ schreit man wieder und heißt nichts anderes, als kümmert euch um uns und nicht um die, die nicht dazu gehören.

 

Harald Werner 17.12.15