Harald Werner - Alles was links ist
 

Der Mythos wird mit einem Mythos bekämpft

Der Islamische Staat ist kein Staat, sondern eine territoriale Verbrecherbande, die sich auf einen islamischen Mythos des 7. Jahrhunderts bezieht, nämlich den Glaubenskrieg gegen die „Kreuzzügler“. Mit dem Islam hat dieser Mythos ebenso wenig zu tun, wie die historischen Kreuzzüge mit dem Christentum. Wobei sich der Griff in die mythologische Mottenkiste nicht auf die Islamisten beschränkt: Unmittelbar nach dem 11. September 2001 rief auch Amerikas Präsident George W. Bush zum "Kreuzzug" gegen den Terrorismus auf, womit in Afghanistan ein Krieg begonnen wurde, der bis heute weder beendet, noch gewonnen werden konnte. Man mag es sich nicht eingestehen, aber über alle geostrategischen Strategien des Westens hinaus, begleitet den Krieg gegen den IS auch ein Hauch von  Islamophobie.

 

Wo der IS tatsächlich verletzlich ist

Die Gefährlichkeit des IS scheint darin zu bestehen, dass er sich tatsächlich staatsähnliche Strukturen geschaffen hat. Er installierte in seinem Machtbereich eine staatliche Verwaltung, treibt neben Schutzgeld auch Steuern ein, organisiert ein islamisches Schulwesen und unterhält ein für arabische Verhältnisse beachtliches Sozialsystem. Gestützt auf die eroberten Ölfelder betreibt der IS Außenhandel und wird nicht müde, seine Terroristen wie eine Armee zu präsentieren. All das erinnert an die Herrschaft der afghanischen Taliban, bevor sie durch Dauerbombardierung in die Berge vertrieben wurden. Besiegt sind sie noch immer nicht, weil sich staatliche Strukturen schneller vernichten lassen, als eine flexible Guerillatruppe.

Auch bei der Bombardierung des IS geht es nicht allein um Waffenlager, Ausbildungscamps oder Erdölfelder, sondern um die staatliche Infrastruktur. Sie ist nicht nur leichter zu treffen, als eine Guerillaeinheit oder ihre flexiblen Ausbildungslager, sie macht auch den Mythos des Staates aus und ist eine Voraussetzung für territoriale Hegemonie. Ohne eigene Städte und Dörfer wäre der IS eine gewöhnliche Terrormiliz. Indem sich der IS seine eigene Bevölkerung angeeignet hat und sie mit allem versorgen muss, was zum alltäglichen Leben gehört, benötigt er auch eine zivile Infrastruktur.

Vielleicht – und das würde den Krieg gegen den IS tatsächlich zum Verbrechen machen – gehört es zur militärischen Strategie des Bombenkrieges, genau diese zivile Infrastruktur zu zerstören. Denn je weniger sich der IS als Beschützer seiner Dörfer und Städte erweisen kann, desto mehr büßt er die ohnehin fragile und durch Gewalt erzwungene Akzeptanz der Bevölkerung ein. Was auf fatale Weise an die Strategie des Bombenterrors im Zweiten Weltkrieg erinnert, als es die Krieg führenden Parteien auf die Zermürbung der Zivilbevölkerung abgesehen hatten.

Wollte man den Mythos des islamischen Staates tatsächlich zerstören, müsste man ihm seine materiellen Ressourcen nehmen. Denn für eine flexible Terrorgruppe reicht es aus, die eigenen Kämpfer mit Waffen und Nahrung zu versorgen, wenn aber der Staatscharakter aufrechterhalten werden soll, bedarf es eines belastbaren Staatshaushalts, mit dem Verwaltungen, Schulen und vor allem der religiöse Apparat unterhalten werden kann. Mit Ausnahme des Kassierens von Lösegeld, sind die dafür notwendigen Einnahmen nur durch den Handel mit Erdöl, dem Verkauf antiker Kunstschätze und vor allem durch Finanzspritzen aus den Golfstaaten zu sichern. Immer fließt dabei Geld, werden Banken benutzt, Transportwege gebraucht und ausländische Vermittler benötigt. Ohne diese auswärtigen Unterstützerstrukturen und ihren Geldstrom würde sich der Mythos des Islamischen Staates schnell als Fata Morgana erweisen.

 

Religiöser Imperialismus

Es ist kein wirkliches Geheimnis, dass erst Al Qaida und heute der IS am Tropf islamistischer Milliardäre in den Golfstaaten, vor allem in Saudi Arabien hängen. Der dort beheimatete Wahabismus, der den ideologisch-religiösen Nährboden des Dschihad bildet, bekämpft sogar die Schiiten als Ungläubige und darf getrost als imperialistisch bezeichnet werden. Er hat sich nicht nur das Ziel zur Tötung der „Kreuzügler“ auf seine schwarzen Fahnen geschrieben, sondern auch die gewaltsame Bekehrung aller islamischen Abtrünnigen. Immerhin sind dem Dschihad in den letzten zehn Jahren vor allem Moslems und deutlich weniger Christen zum Opfer gefallen. Dass dies in den Golfstaaten nicht nur mit klammheimlicher Freude begleitet wird, ist ein offenes Geheimnis. Zumal man sich nicht nur religiös-ideologisch mit den Dschihad verbunden fühlt, sondern auch hinsichtlich der Methoden, mit denen tatsächliche oder vermeintliche Gegner behandelt werden. Denn die mörderischen Hinrichtungen des IS, bei denen „Kreuzzüglern“ die Kehle durchgeschnitten wird, gehören in Saudi Arabien und Katar zur Tagesordnung. Jeden zweiten Tag wird dort ein Todesurteil vollstreckt, in der Regel auf öffentlichen Plätzen und durch Abschlagen des Kopfes mit dem Schwert - in besonders schweren Fällen durch nachträgliche Kreuzigung. Dies und die Tatsache, dass Dieben regelmäßig die Hand abgeschlagen wird, hat den Westen ebenso wenig zu Sanktionen oder dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen veranlasst, wie die Verurteilung des Bloggers Raif Badawi zu 1.000 Peitschenhieben und zehn Jahren Haft. Nichts macht die Verlogenheit des Westens deutlicher, als der Tausch der Menschenrechte gegen Schürfrechte auf arabischen Ölfeldern.

Nun aber werden Nato-Kampfflugzeuge zusammen mit den arabischen Freunden den IS bombardieren. Offensichtlich haben es die Dschihadisten für die Saudis zu weit getrieben, wie vor Jahren bereits Osama Bin Laden, der ebenfalls aus dem Ruder lief, als er das World Trade Center in ein Massengrab verwandelte. Dass die neuen Waffenbrüder jetzt gemeinsam mit dem Westen den IS bombardieren, hat für die Saudis den großen Vorteil, dass sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Erstens werden sie einen missratenen Zweig des Dschihad los und zweitens nehmen sie ihre Verwandten und Kumpanen im eigenen Land aus der Schusslinie.

Die andere, weniger kriegerische aber zweifellos wirksamere Strategie des Westens wäre gewesen, erstens dem IS den finanziellen Lebensnerv abzutrennen und  zweitens die Mitschuld des religiös-ideologischen Sumpf in den Golfstaaten anzuprangern. Der Krieg ist dagegen nicht nur die dümmste und sinnloseste aller denkbaren Möglichkeiten, sondern auch die gefährlichste.

Harald Werner 20.12.2015