Harald Werner - Alles was links ist
 

Es geht nicht um Kulturkritik, sondern um Kritik der herrschenden Ökonomie

Wie immer ist es ratsam, die Veränderung von Ästhetiken und Alltagskulturen nicht allein aus dem Wandel der herrschenden Gedanken, sondern zunächst einmal aus der konkret historischen Produktionsweise abzuleiten. Dabei muss als erstes davon ausgegangen werden, dass der Neoliberalismus aus einem Verwertungsproblem des Kapitals hervorging. Da das überakkumulierte Kapital in den 1970er Jahren auf immer weniger profitträchtige Anlagemöglichkeiten stieß, entdeckten einige clevere Ökonomen aufs Neue die alte Neoklassik und nannten dies Angebotstheorie. Vereinfacht gesagt geht es um die Annahme, dass das Kapital seine Investitionen nicht in erster Linie von der Belebung der Nachfrage abhängig macht, sondern von günstigen Angeboten. Erwartet werden billige und flexible Arbeitskräfte und niedrigen Steuersätze, aber auch die Eröffnung neuer Geschäftsfelder durch Privatisierung und die Verwandlung öffentlicher Güter in eine Ware. Gemäß dieser Theorie sollte sich daraus eine neue Wachstumsphase entwickeln, die am Ende nicht nur den Profit, sondern auch die Arbeitsplätze wachsen lässt. Nach nur einem Vierteljahrhundert hat sich das zwar als Irrtum herausgestellt, was sowohl den Nutzen für die lebendige Arbeit betrifft, als auch den für das Gemeinwesen. Doch der durch den Neoliberalismus eingeleitete soziale und kulturelle Wandel ist geblieben.

Betrachtet man die Haupttendenz der neoliberalen Modernisierung, so beschränkt sie sich nicht auf die Deregulierung des Arbeitsmarktes und die Zerstörung des Sozialstaates. Das Wichtigste ist die Erschließung neuer Absatzmärkte, die Finanzialisierung der ökonomischen Beziehungen und die Erschließung neuer Geschäftsfelder, wofür die Digitalisierung ungeahnte, neue Möglichkeiten schuf. Nicht nur für die Rationalisierung von Produktion und Absatz, sondern – damit im Zusammenhang stehend – auch für die Erschließung neuer Geschäftsfelder. Herausragend dabei ist der neue, durch das Internet geschaffene Markt und die Produktion immer neuer, nichtmaterieller Waren. Die alte Schranke der Produktion, wo die Konsumenten schon alles hatten, was man ihnen verkaufen konnte, war endgültig gefallen. Denn der Verschleißzyklus digitaler Waren und der Einfallsreichtum der produzierenden Unternehmen sorgen stets für neuen Absatz.

 

Wie wir alle Unternehmer wurden

Der Arbeitskraftunternehmer ist schon lange keine verbale Mogelpackung mehr, sondern fast schon Standard geworden. Da gibt es die abhängig Beschäftigten mit Marktanbindung und Kundenorientierung, denen das unternehmerische Denken zur Gewohnheit gemacht wurde, immer mehr aber auch Scheinselbständige mit Start Up Image. Und wie es sich für Unternehmer gehört, müssen sie etwas verkaufen, in dem Fall sich selbst. Das beschränkt sich freilich nicht auf Eigenwerbung. Auf die gleiche Weise wie sich die richtigen Unternehmen im richtigen Leben immer mehr inszenieren müssen, um ein erfolgstüchtiges und durchsetzungsfähiges Image zu Markte tragen zu können, sind auch Sachbearbeiterinnen, Kundendienstmonteure und natürlich die Start-Up-Freelancer zur Selbstinszenierung gezwungen. Doch damit hört es nicht auf. Auch Politikerinnen, Künstler, Wissenschaftler und natürlich Profisportler müssen sich verkaufen lernen, Imagepflege betreiben und dabei auf allerlei andere Selbstunternehmer zurückgreifen: Da braucht man zum Beispiel einen Couch oder Trainer, manchmal auch Therapeuten und andere mehr, die einen gelungen Marktauftritt erleichtern. Aber auch die müssen sich natürlich marktgängig machen, woraus dann insgesamt ein gewaltiger Markt entsteht, auf dem Inszenierungstechniken eingeübt werden.

 

Wie man es macht ist wichtiger, als was man macht

Unter den beschriebenen Bedingungen kann es nicht ausbleiben, dass die Art und Weise „wie“ man eine Sache macht, mindestens so wichtig oder noch wichtiger ist, als das „was“ man macht. Wobei es natürlich Extreme gibt, wie etwa in der Politik. Denn fast nirgendwo ist die Inszenierung von Kompetenz und Handlungsfähigkeit entscheidender als gerade hier, wo die symbolische Handlung lange schon zur Symbolpolitik geworden ist. Was natürlich am wenigsten jenen auffällt, die sich selbst permanent inszenieren müssen. Überhaupt ist die Dominanz der Inszenierung natürlich am weitesten dort verbreitet, wo sie immer schon eine große Rolle spielte, etwa im Kulturbetrieb. Der Stoff oder Inhalt verschwindet hinter der gelungen Darstellung. Problematisch wird die Angelegenheit am ehesten da, wo es eigentlich um den Inhalt und nicht die Imagisierung einer Handlung gehen sollte, zum Beispiel bei Ärzten, Wissenschaftlerinnen oder überhaupt im Bildungswesen.

Natürlich hat es hier schon immer Scharlatane gegeben, die Kompetenz nur inszenierten, statt sie zu praktizieren. Immerhin konnten die davon betroffenen Opfer meistens relativ schnell zwischen wirklicher oder nur gespielter Kompetenz unterscheiden. Das ist schwerer geworden, seit auch ärztliche Kunst durch Medizintechnik inszeniert wird oder Professoren nicht mehr durch brillante Reden, sondern animierte Powerpoint-Präsentationen beeindrucken.

Überhaupt scheint es keinen gesellschaftlichen Bereich mehr zu geben, in dem man zur Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit ohne den Einsatz von Werbeagenturen, Medienfachleuten und computergesteuerter Veranstaltungstechnik auskommt. Alles muss zum Event werden, damit das Publikumsinteresse geweckt wird, das Fernsehen seine Bilder bekommt und der Unterhaltungswert groß genug ist, um auf dem Markt der miteinander konkurrierenden Ereignisse bestehen zu können. Und wie es bei Inszenierungen so ist, ob es ums die Oper oder die Olympiade geht, die nächste Inszenierung muss die letzte in den Schatten stellen. Dass dabei Zweck und Inhalt des Ganzen in den Hintergrund treten, ist unausweichlich. Neue Inhalte sind nämlich sehr viel schwerer zu produzieren, als neue Inszenierungen. Was übrigens nicht nur für die darstellenden Künste gilt. Denn die Premiere eines neuen Windows verlangt nicht weniger Inszenierungstechnik, als der Start einer neuen TV-Serie.  

 Harald Werner, 15.6.16