Harald Werner - Alles was links ist
 

Glanz und Elend des linken Liberalismus

Bevor der Neoliberalismus den Liberalismus auf den Hund brachte und ihn auf die Befriedigung wirtschaftlicher Interessen zusammendampfte, verstand man unter Liberalisierung die Befreiung des Individuums aus Fremdbestimmung, Bevormundung und Einschränkung seiner individuellen Handlungsfähigkeit. So gesehen war die 68er Bewegung eine liberale, die sich als antiautoritäre Rebellion verstand. Und sie befand sich dabei in guter Gesellschaft mit sämtlichen sozialen Revolutionen der Neuzeit, die nicht nur die Eigentumsfrage stellten, sondern ihren Schwung aus der Begeisterung der Individuen schöpfte, sich aus klerikaler oder obrigkeitsstaatlicher Bevormundung zu befreien. Auch die 68er Rebellion hätte nie eine solche Breite gewinnen können, wenn sie nicht auch mit Lustgewinn verbunden gewesen wäre. Lust an Tabubrüchen, ob sie nun die Sexualität betrafen, die Abschaffung tradierter Hierarchien oder konventioneller Bekleidungsvorschriften. Umgekehrt lässt sich leicht nachweisen, dass der Staatssozialismus nicht zuletzt daran scheiterte, dass er genau diesen Spaß dämpfte, weil er nicht nur die freie Meinungsäußerung begrenzte, sondern auch die Lebensweise standardisierte und die Kreativität reglementierte.

 

Ja, es gibt einen linken Liberalismus, der freilich viel zu leicht die Machtfrage vergisst. Große Teile der 68er Bewegung ließen sich von der Illusion tragen, das Establishment durch Tabubrüche entmachten zu können. Und in der Tat, zumindest an den Universitäten gelang dies zeitweilig auch. Die Bildungsreform, die Studienreform und der kreative Wandel der Vorschulerziehung gehen eindeutig auf das Konto der 68er. Doch der Spaß hörte eindeutig auf, als es um die Macht im Staat oder gar in den Betrieben ging. Gegen Hochschulabsolventen wurden Berufsverbote verhängt und in den Betrieben scheiterte man nicht nur weil die Unternehmer keinen Spaß verstanden, sondern auch die meisten Arbeiter nicht. Schöner, ironischer Witz: Als die KPDML (Kommunistische Partei Deutschlands – Marxisten Leninisten) mit roten Fahnen an der Westberliner AEG vorbeidemonstrierten, skandierten sie: „Was wir wollen – Arbeiterkontrollen.“ Sagt doch ein Arbeiter: „Wat denn, jetzt wollt ihr och noch Arbeiter kontrollieren?“

Trotzdem, der linke Liberalismus blieb nicht folgenlos. Die Enttabuisierung der Sexualität, die Akzeptanz unterschiedlicher sexueller Orientierungen, die neue Frauenbewegung und vieles andere mehr, haben ihre Wurzeln in der 68er Rebellion. Was wir damals freilich nicht geahnt haben, war erstens, dass der Kapitalismus bislang jede kulturelle Revolution integrieren konnte, zweitens aber, dass wir etwas vorangetrieben hatten, woran der Neoliberalismus bestens anknüpfen konnte. Die dann folgende Liberalisierung der Wirtschaft, wäre nie so schnell gelungen, hätte sie nicht an den Zeitgeist von 68 anknüpfen können. Etwa an seine Staats- und Bürokratiekritik, die Forderung nach dem Abbau von Hierarchien oder der Erhöhung individueller Verantwortung für die Steigerung der Produktivität. So manches, was wir heute am so genannten „Arbeitskraftunternehmer“ kritisieren, nämlich dass er das Unternehmerrisiko zu tragen hat, ohne davon zu profitieren, erinnert kurioserweise an gewerkschaftliche Forderungen der späten 60er und frühen 70er Jahren, nämlich für mehr Selbständigkeit und weniger Bevormundung durch das mittlere Mangement.  

 

Wenig wirklich neu aber alles anders

Akkumulation, so wusste bereits Marx, ist für den Kapitalismus „Moses und die Propheten“. Permanent sich erhöhende Akkumulation des Kapitals aber verlangt nach neuen Märkten – entweder in anderen Regionen oder durch andere Produkte. Die Sättigung der Märkte ist deshalb das Schlimmste, was dem Kapital passieren kann. Nun wird die Nachfrage an den Märkten nicht nur durch fehlende Kaufkraft begrenzt, dem durch Kreditvergabe begegnet werden kann, sondern mehr aber noch durch den so genannten „moralischen Verschleiß“, also dass eine Ware in den Augen der Konsumenten als absolut gestrig erscheint. Dem kann natürlich durch völlig neue Produkte abgeholfen werden, doch die Möglichkeiten eine Sache technisch zu verändern sind wesentlich begrenzter, als sie neu zu inszenieren. Und was diese Möglichkeiten betrifft, hat 68 eine wirkliche Beschleunigung des Absatzes bewirkt. Zwar war man konsumkritisch, doch selbst dies ließ sich vermarkten. Man musste nur dem Konsumismus fremde Produkte auf den Markt bringen. Nehmen wir als Beispiel die Jeans oder den aus alten Armeebeständen stammenden Parka. Sie waren die Alternative zum bürgerlichen Dresscode, die Jeans wurde mit der US-amerikanischen Arbeiterklasse in Verbindung gebracht und der ausgemusterte Parka war schlicht billig und auch noch praktisch. Der moralische Verschleiß der Jeans kam schnell, als sie alle trugen. Also musste sie getragen sein, weshalb die Markenartikler schnell reagierten und künstlich gewaschene Jeans auf den Markt brachten. Aber auch die waren bald dem moralischen Verschleiß ausgesetzt, so dass abgewetzte und zerrissene Röhren auf den Markt kamen.

Doch die größte Triebkraft für den moralischen Verschleiß von Konsumgütern war bald schon nicht mehr, dass dem Konsumenten einfach Neues angeboten wurde. Längst schon hatte man erkannt, dass der von 68 angestoßene Wandel nicht am Reißbrett vorproduziert wurde, sondern aus einer kulturellen Bewegung entstanden war. Also wurde zunächst eine kulturelle Basis schaffen, der dann umgehend das zum neuen Trend passende Produkt folgte. So begann die Zusammenarbeit von Markenartiklern mit Musikproduzenten, Filmemachern und Jugendmagazinen, die nicht nur Unterhaltung lieferten, sondern gleich auch die dazu passenden Klamotten propagierten. Und auch das beschleunigte die Akkumulation des Kapitals, das seinen Profit nicht mehr allein aus der Warenproduktion, sondern immer mehr aus dem gewaltigen Komplex der Kultur und Medienproduktion schöpfte. Was sich letztlich nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch bewährte. Während es in den späten 60er und frühen 70er Jahren noch eine breite, politische Jugendkultur gab, brachte der Neoliberalismus immer neue, sich ausdifferenzierende und kaum noch politische Jugendkulturen hervor.

 

Die Inszenierung der Spaßgesellschaft

Die 68er Rebellion hat aber nicht nur politische, sondern auch kulturelle Umbrüche bewirkt. Als erstes natürlich dadurch, dass sie eine Musik zur Massenkultur machte, die ihre Wurzeln in den Ghettos der Schwarzen oder im Arbeitermilieu Englands hatte. So verschmolz der rebellische Sound in Windeseile mit der Rebellion der neuen Protestbewegung. Und natürlich blieb es nicht bei der Musik, sondern alles was man organisierte, von den gewaltigen Demos bis zu den großen politischen Konzerten war eindrucksvoll inszeniert. Weit über die politische Protestbewegung hinaus, entstanden Inszenierungen, wie man sie im öffentlichen Raum bislang nur im Karneval oder bei Volksfesten erleben konnte. Jedes noch so banale Ereignis oder nüchternes TV-Format, kam nicht mehr ohne einen gewissen Unterhaltungswert aus. Später fanden Soziologen dafür den Namen Spaßgesellschaft, was nicht immer spaßig aber profitabel war, weil dies alles produziert werden musste. So entstand ein neuer Zweig der Unterhaltungsindustrie, der im Laufe der Zeit dann auch wieder die Politik erreichte. An die Seite der Redenschreiber und Rhetoriklehrer traten die Spezialisten für die Inszenierung von Parteitagen, Pressekonferenzen und andere Darstellungen, die Kompetenz und Entschlossenheit demonstrierten aber auch für das typische Outfit der Kanzlerin zu sorgen hatten.

Natürlich lässt sich das nicht alles auf die 68er Bewegung zurückführen – so eindrucksvoll war sie dann doch wieder nicht. Die szenische Inszenierung von Politik und Macht ist tatsächlich Jahrtausende alt, doch nach der eher tristen und nüchternen Nachkriegszeit, war es die internationale Protestbewegung, zu der man 68 unbedingt zählen muss, die die Tradition politischeren Inszenierung neu belebte. Wobei man hinsichtlich der gegenwärtigen Inszenierung von Macht und Handlungsfähigkeit vielleicht noch hinzufügen könnte, dass die Inszenierungen von Macht in den alten Kulturen immer eindrucksvoller wurden, je näher sie ihrem Untergang waren.       

Harald Werner 25.4.2018