Ein Blick hinter die Kulissen der Währungsreform

Der Legende nach kam die D-Mark wie ein warmer Regen über das Land, füllte die Läden und Portemonnaies der Menschen und ließ umgehend ein Wirtschaftswunder wachsen. Dem Augenschein nach ist das nicht ganz falsch, denn die Läden füllten sich tatsächlich am Morgen des 21. Juni 1948 schlagartig mit lange vermissten Waren und weil jeder Westdeutsche 60 DM Kopfgeld erhielt und natürlich umgehend ausgab, boomte plötzlich auch die Produktion. Interessant wird die Geschichte erst, wenn man erstens die Ausgangslage betrachtet und zweitens ein Blick hinter die Kulissen, nämlich in die Besitzverhältnisse wirft.

Bis zum 20. Juni besaß die kursierende Währung, also die Reichsmark, fast keinen Wert mehr. Die Nazis hatten zur Finanzierung ihres Krieges die Notenpresse heiß laufen lassen, so dass die Preise für nicht rationierte Lebensmittel und Gebrauchsgüter weit über der realen Kaufkraft der Lohn- und Gehaltsempfänger lagen. Folglich blühte der Schwarzhandel, an dem sich nur die beteiligen konnten, die vergleichbar knappe Güter anzubieten hatten. Die Kehrseite der Medaille war, dass die Produktion stockte und eine kaum messbare Massenarbeitslosigkeit herrschte. Zudem war seit langem vorhersehbar, dass eine Währungsumstellung kommen würde, so dass Handel und Gewerbe ihre Waren für den Zeitpunkt horteten, an dem das neue Geld erscheinen würde.

Im Kern war die Währungsreform für das in Produktionsanlagen und Warenlagern schlummernde Kapital eine Art ursprünglicher Akkumulation, am ehesten vergleichbar mit der Plünderung des Inka-Goldes durch die europäischen Eroberer. Während nämlich die Guthaben der Kleinsparer im Verhältnis 1:10 abgewertet wurden, behielten die Aktien ihren vollen Nennwert und das Produktionskapital bekam überhaupt erst einen realen Wert, als in Folge der neuen Währung die Nachfrage explodierte. Weitgehend unbekannt ist auch, dass die Unternehmer zwar wie ihre Arbeiter auch nur ein persönliches Kopfgeld von 60 DM erhielten, aber zusätzlich pro Beschäftigten weitere 60 DM ausgezahlt bekamen.[1] Damit war die Pflege des Kapitals freilich noch nicht abgeschlossen. Durch das später verabschiedete DM-Bilanzgesetz bekamen die Unternehmen das Recht, ihr gesamtes Anlagevermögen neu abzuschreiben, als wäre es gerade erst investiert worden. „Nimmt man die Steuerbegünstigungen durch das später verabschiedete DM-Bilanzgesetz hinzu, tauschen die Konzerne sogar zu einem Vorzugskurs: nicht 10 RM zu 1 DM wie die Normalbürger, sondern 10 RM zu 8,40 DM.“[2] Die Währungsunion hat also nicht in erster Linie die soziale Marktwirtschaft geschaffen, sondern die alten Besitz- und Machtverhältnisse restauriert.

Eine nicht minder unschöne Begleiterscheinung der Währungsreform war der Ausbruch des Kalten Krieges und der Teilung Deutschlands. Da in der sowjetischen Besatzungszone immer noch die Reichsmark kursierte, war die Versuchung ungeheuer groß, ostdeutsche Waren und vor allem Produktionsmittel für harte DM im Westen zu verkaufen. Transporte über die von beiden Seiten gut bewachte Zonengrenze waren jedoch kaum möglich, so dass sich als einziger Markt Westberlin anbot, von wo aus die angeblichen Westberliner Waren über die Transitwege in die Bundesrepublik gebracht werden konnten. Damit drohte der sowjetisch besetzten Zone freilich eine schnelle Ausblutung, so dass die Sowjets die Interzonenverbindung sperrten und Westberlin seine bekannte Blockade bekam.

Paradoxerweise wurden die Spaltung Deutschlands und die Systemkonkurrenz zum eigentlichen Geburtshelfer der sozialen Marktwirtschaft. Die größten Fortschritte in der Sozialgesetzgebung, in der gesetzlichen Regelung der Arbeitsverhältnisse und vor allem in der Entwicklung der Lohneinkommen fanden statt als die Systemkonkurrenz am schärfsten war. Ganz wesentliche soziale Rechte, die unter Adenauer und in den ersten Jahren der sozialliberalen Koalition geschaffen wurden, sind inzwischen beseitigt, der Anteil der Löhne und Gehälter am Volkseinkommen sinkt seit 40 Jahren kontinuierlich und die von Adenauer durchgeführte Rentenreform ist weitgehend rückgängig gemacht worden. Und nicht nur, dass die in den ersten beiden Jahrzehnten nach der Währungsreform erreichte Vollbeschäftigung vorbei ist, sondern den Arbeitslosen sind durch die Hartz-Gesetze auch die Rechte genommen worden, die unter dem Druck der Systemkonkurrenz eingeführt wurden.

Fazit: Die Währungsreform war eine Erfolgsgeschichte aber die mit ihr aus der Taufe gehobene soziale Marktwirtschaft gehört der Vergangenheit an, während die Herstellung der alten Eigentumsverhältnisse nicht nur Bestand hatte, sondern sich zu einer damals kaum vorstellbaren sozialen Ungleichheit ausgewachsen hat.

Harald Werner 13. Juni 2008

 

 


[1] Dr.Gablers Wirtschafts-Lexikon, 9.Auflage, Wiesbaden 1977

[2] Quelle:http://www.geschichte.nrw.de/artikel.php?jahr%5Bjahr%5D=1948&lkz=de


[angelegt/ aktualisiert am  13.06.2008]