Harald Werner - Alles was links ist
 


Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz als Herrschaftsinstrument

Wo auch immer sich die scheinbar grenzenlose Macht der Supercomputer entfaltet, wird sie von Menschen genutzt, die damit bestimmte Zwecke verfolgen. Und bevor man sich der Spekulation über sich verselbständigende Computersysteme hingibt, heißt die entscheidende Frage zunächst, wer diese Entwicklung mit welchen Absichten vorantreibt. Denn jede in der Menschheitsgeschichte entwickelte Produktivkraft hat nicht nur neue Herrschaftsverhältnisse geschaffen, sondern ist auch aus ihnen entstanden. Denn die Entwicklungsrichtung neuer Produktivkräfte ist weniger vom menschlichen Erfindergeist und den materiellen Gegebenheiten abhängig, als von den bestehenden und nach Erweiterung strebenden Herrschaftsverhältnissen. So konnten sich wichtigste technische Umwälzungen, wie etwa mechanische Steuerung, Hydraulik und Dampfmaschine erst in der Breite durchsetzen, als sie die kapitalistische Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft erhöhten oder die Kriegführung modernisierten. Auch die Entwicklung des Computers und des Internets nichts stärker beschleunigt als das Wettrüsten zwischen West und Ost und in neuerer Zeit der möglich gewordene Cyberkrieg.

Schon Heraklit erkannte, dass der „Krieg der Vater aller Dinge“ sei, ohne dabei an Kernkraftwerke zu denken, die letztlich nur eine Vorstufe der Produktion  von Atombomben sind oder an das Internet, mit dem sich die USA eine im Atomkrieg überlebensfähige Kommandostruktur aufbauen wollten. Und weil der Siegeszug des Computers von Anfang vom Drang nach Machtausübung und Kontrolle geprägt war, eignete er sich, ganz im Sinne von Heraklit, nicht nur für die Erweiterung militärischer, sondern auch gesellschaftlicher, das heißt kapitalistischer Macht. Ohne Computer und Internet wäre die neoliberale Modernisierung nicht mehr als eine skurrile und eigentlich lange schon vergessene Idee geblieben. Denn die Dominanz des Marktes über die Gesellschaft und die Deregulierung der ökonomischen und sozialen Strukturen verlangten einerseits nach einer zunehmenden Verwandlung gesellschaftlicher Handlungen in Waren und andererseits nach Technologien, die die dabei anfallende ungeheure Datenmenge, zeitnah erheben, speichern und verarbeiten konnten.

  „Bei der »Formatierung« des Denkens und Verhaltens kommt mittlerweile den Informationstechnologien eine zentrale Rolle zu: Neoliberalismus, Computer und Internet sind einen faustischen Pakt eingegangen.(…) Schaut man hinter die Kulissen, wird deutlich, dass Big Data vor allem als Erfassungs-, Selektions- und Formatierungsapparatur begriffen werden muss und der internetbasierten Informationstechnologie eine Hebelfunktion bei der Durchsetzung radikalisierter Kapitalverwertungsstrategien zukommt.“[1]

Wobei sich zwei Schwerpunkte abzeichnen. Einmal die Veränderung der Kapitalakkumulation, zum Beispiel im Finanzsektor, und zum anderen die Erschließung neuer Geschäftsfelder, wie etwa durch Internetdienste. So verbirgt sich hinter dem Begriff „Finanzindustrie“ wenig mehr, als zum Beispiel die Chance, durch Wetten auf fallende oder steigende Werte in kürzester Zeit gewaltige Profite zu erzielen oder den Wert eines Unternehmens explodieren zu lassen. Die Algorithmen der Supercomputer, einst für das Militär entwickelt, realisierten in Tausendstel Sekunden Finanzoperationen, für die die traditionellen Börsen Stunden gebraucht hätten.

Auf der anderen Seite aber ließen sich mit den neuen Technologien auch völlig neue Geschäftsfelder erschließen. Angefangen mit den ersten Heimcomputern und fortgesetzt mit dem Handy, bis hin zum internetfähigen smartphone, hat sich ein neuer und zudem globaler Markt erschlossen, der sämtliche Klagen über die Sättigung des Konsumgütermarktes verstummen ließ. Seit dem werden Produkte nicht mehr ersetzt, weil sie nicht mehr so recht funktionieren, sondern weil sie zum Beispiel nicht mehr funktionieren, weil die Software nicht mehr mit dem alten Betriebssystem oder die neuesten Apps nicht mehr dem alten smartphone bedienbar sind. Die Digitalisierung des Privatlebens kann in ihrer ökonomischen Wirkung durchaus mit dem Siegeszug des privaten Pkw zur Zeit des deutschen Wirtschaftswunders Schritt halten.

Profitträchtiger noch, als der funktionelle Verschleiß von Programmen und Hardware aber, ist die flächendeckende Vernichtung der Privatsphäre. Suchmaschinen, Downloadportale, Bezahldienste, soziale Netzwerke und überhaupt alles, was der Mensch im Internet tut, wird von Big Data gespeichert und verarbeitet. Seine Gedanken, Neigungen und Gewohnheiten werden nicht mehr ausgespäht, sondern er liefert sie mit jedem Mausklick selbst frei Haus. Was da gesammelt und ausgewertet wird, lässt sich wiederum mit hohem Gewinn verkaufen. Google & Co sind zwar kostenlos aber ihre Nutzung ist nicht folgenlos. Der Datenhandel und die scheinbare Intelligenz der Großcomputer sind eine der profitträchtigsten Geschäftsfelder des modernen Kapitalismus, aber auch der graue Markt der Geheimdienste.   

 

Dumme Intelligenz und intelligente Kreativität

Inzwischen wird so ziemlich jedes technische Gerät als intelligent bezeichnet, wenn es sich über ein Computernetzwerk steuern oder mit anderen Geräten verbinden lässt. So leben wir heute in einer Umwelt aus „intelligenten“ Waschmaschinen, Autos und Rasenmähern. Wobei das Adjektiv intelligent seine Konjunktur vor allem der Tatsache verdankt, dass es für Intelligenz keine intelligente Definition gibt. Skeptiker der Intelligenzforschung sagen denn auch schon mal: „Intelligenz ist das was Intelligenztests messen“. Tatsächlich beschränken sich diese Tests auf ein Set von Fragen und Aufgaben, deren Bewältigung einen entweder hohen oder niedrigen Intelligenzquotienten – also IQ auswerfen. Und seit es diese Tests gibt, zweifeln die Forscher an ihnen, weil Probanden mit einem niedrigen IQ in der Praxis manchmal herausragende geistige Hochleistungen erbringen und welche mit hohem in ihrer Lebenspraxis versagen. Deshalb hat sich in der Forschung, auf Grund der unzureichenden Aussagefähigkeit der Intelligenztexts, der Begriff der Kreativität etabliert. Kreativ ist danach jemand, die oder der zu neuartigen und überraschenden Ergebnissen kommt, weil sie auf ungewöhnliche Weise nach Antworten suchen. Sie verlassen die breit getretenen Wege der vorherrschenden Logiken, stellen andere Fragen oder bedienen sich in Wissensbereichen, die scheinbar nichts mit dem bestehenden Problem zu tun haben. Die Liste der großen Entdeckungen, die nur möglich waren, weil jemand nicht der herrschenden Logik folgte, sondern eine ungewöhnliche Perspektive einnahm, ist ziemlich lang.

Das Problem des Computers ist, dass er das Ungewöhnliche nicht denken kann, weil es seiner Logik widerspricht. Er verfügt zwar über eine kaum vorstellbare Menge an Daten und auch über sich weiterentwickelnde Algorithmen, die aus diesen Daten Vorhersagen ableiten können, aber die in den Algorithmen aufgehobene Logik ist immer die von gestern. Anders gesagt, der Computer denkt mit den Erfahrungen der Vergangenheit. Welche Folgen das heben kann, hat die große Finanzkrise des vergangenen Jahrzehnts gezeigt. Am Ende mussten die Banker ihre Computersysteme blockieren, um zu verhindern, dass ihre ausgefeilten Algorithmen noch mehr Geld verbrennen.

Picasso wird das Zitat nachgesagt, dass Computer zu nichts taugen, weil sie nur antworten können. Doch das war vorgestern, heute können sie auch Fragen beantworten, aber wie kann man richtige Antworten geben, wenn man die Frage nicht versteht oder sie für unlogisch hält? Daran wird sich auch nichts ändern, wenn Computer auf sprachliche Befehle reagieren und selbst sprechen lernen, was der neueste Hype der Computerentwicklung sein wird.

Ist das menschliche Gehirn überholt?

Im Allgemeinen wird beim Vergleich zwischen menschlichem Gehirn und der Leistung von Supercomputern von der Rechenleistung der neuesten Maschinen ausgegangen, die in der Tat der entsprechenden Leistung des menschlichen Hirns nahe kommen. Wobei das große Problem eines solchen Vergleichs ist, dass die Wissenschaften zwar alles über Computer wissen, ziemlich wenig aber immer noch über die Funktionen des menschlichen Gehirns. Vor allem deshalb, weil man zu wenig über seine Arbeitsweise weiß. Denn entscheidender als der Vergleich der Rechenleistung zwischen Supercomputer und menschlichem Gehirn dürfte sein, dass das Gehirn zahllose Operationen gleichzeitig durchführt und dabei Gehirnregionen eingeschaltet werden, die nicht dem rationalen Denken folgen. Die Komplexität des menschlichen Gehirns, mit seinen 100 Milliarden Nervenzellen und den 100 Billionen Verbindungen zwischen ihnen, übersteigt selbst die Kapazität heutiger Supercomputer um das 30-fache.[2] Der Rechner müsste außerdem, um dem menschlichen Denken nahe zu kommen, pro Sekunde eine Milliarde mal eine Milliarde Rechenschritte ausführen können, ein Tempo, das Fachleute mit „Exaflop“ bezeichnen.[3] Diese Aufholleistung ist auch deshalb relativ unwahrscheinlich, weil das menschliche Gehirn für eine solche Leistung lediglich die Energie einer 10 – 15 Watt Glühbirne benötigt, während ein solcher Exaflop-Computer die Energie von zwei Kernkraftwerken benötigen würde. Schon Google verbraucht heute in seinem Zentralcomputer täglich so viel Strom wie eine mittlere Großstadt. Natürlich lässt sich einwenden, dass dies der gegenwärtige Stand der Technik ist. Aber immerhin ist diese Technologie von menschlichen Gehirnen geschaffen worden, was die Frage aufwirft, wieso nicht mehr in die Gehirne der jetzt lebenden Menschen investiert wird. Denn wenn der strukturelle Analphabetismus hierzulande im gleichen Maße wächst wie die Verwendung von PC und Smartphone, mangelt es uns weniger an digitaler Technik, als am natürlichen Lernen.

 

Kybernetischer Kommunismus

Das Scheitern des ersten sozialistischen Versuchs hat viele und erschreckende Ursachen, war aber auch das Ergebnis des ökonomischen Irrtums, den Markt vollständig durch den Plan ersetzen zu können. Schon Lenin war anfänglich der Illusion zum Opfer gefallen, dass man die sozialistische Ökonomie nach den Prinzipen der Deutschen Post organisieren könne. Doch die Ersetzung des Marktes durch den Plan funktionierte nur, so lange es um die beschleunigte Industrialisierung ging, nicht aber als die proportionale Entwicklung einer vielen Bedürfnissen gerecht werdenden Volkswirtschaft anstand. Unter den heutigen Bedingungen, wo es kein Bedürfnis und keine wirtschaftliche Aktivität gibt, die nicht bis ins Detail erfasst werden, wäre eine Planung möglich, die der Willkür des Marktes weit überlegen wäre. Und nicht nur das: Die marktwirtschaftliche Konkurrenz führt nämlich erst am Ende zu einer halbwegs proportionalen Entwicklung, produziert vorher aber Überkapazitäten und vergeudet sowohl Arbeit, als auch wertvolle Ressourcen. Und dieser prozessierende Widerspruch der kapitalistischen Marktwirtschaft hat sich durch ihre Digitalisierung und die Dominanz der Finanzmärkte nur noch zugespitzt.

Rein technisch gesehen wäre die Menschheit mit ihrer gewaltig gewachsenen Produktivkraft und den Möglichkeiten der modernen Computertechnik in der Lage, nicht nur jeden nach seiner Leistung am Genuss des gesellschaftlichen Reichtums teilhaben zu lassen, sondern diesen auch nach den bestehenden Bedürfnissen zu verteilen – worin Marx bekanntlich die Voraussetzung des Kommunismus sah. 

Anfänge dazu gab es bereits im Chile der 1970er, als die von Allende geführte Regierung anhand von computergestützter Organisation eine fortgeschrittene Variante der Planwirtschaft zu installieren versuchte: Die Sozialistische Regierung hatte zusammen mit dem Informatiker Stafford Beer an einer kybernetischen Planwirtschaft mit dem Namen CyberSin[4] gearbeitet. „Wie effizient dieser Versuch war, lässt sich leider nicht genau bemessen, denn das Experiment fand bekanntlich sein Ende im Putsch von Pinochet. Nichtsdestotrotz gibt es – gerade in kommunistischen Kreisen die Hoffnung – mit heutiger Technologie einen solchen kybernetischen Kommunismus durchführen zu können.“[5] Vor allem deshalb, weil der in Chile gestartete Versuch in einer sehr frühen Entwicklungsphase des Computers stattfand, dessen Rechenleistung und Speichermöglichkeit überhaupt keinen Vergleich mit heutigen Computersystemen zulässt und auch das Internet fehlte, ohne das eine Vernetzung der Daten unmöglich ist.

Harald Werner 21.7.16  

 


[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Tianhe-2

[3] Ebenda

Kolonialismus war gestern - heute Freihandel

Wenn Kontinente wie Afrika an die kapitalistischen Märkte angeschlossen werden, wiederholt sich was Marx am Beispiel Englands als ursprüngliche Akkumulation bezeichnete. Erst werden die herkömmlichen Lebensbedingungen vernichtet, das Kapital raubt die natürlichen Reichtümer des Landes, verwandelt die Menschen in Lohnsklaven und treibt schließlich den menschlichen Überschuss in ferne Länder. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass die ursprüngliche Akkumulation auf den britischen Inseln eine Industrienation hervorbrachte, während sich Afrika nicht einmal mehr alleine ernähren kann.

Um Afrika auszuplündern und seine sozialen Strukturen zu zerstören, war kein Militär notwendig, sondern der Abschluss von Handelsverträgen sowie die Durchsetzung der Prinzipien von internationalem Währungsfonds und Weltbank. Joseph Stiglitz, Träger des Wirtschaftsnobelpreises und ehemaliger Chef-Volkswirt des IWF, beschreibt die Strategie des Internationalen Währungsfonds mit vier Stufen.[1] Als erstes wird für die Gewährung von Krediten vom IWF die Privatisierung der Bodenschätze und der Infrastruktur verlangt, die in den Besitz globaler Konzerne kommen. In der Regel zu Schleuderpreisen, weil die korrupten Eliten des Landes davon profitieren. Auf der zweiten Stufe erzwingt der IWF eine Liberalisierung des Kapitalverkehrs, vorgeblich um Investoren anzulocken, tatsächlich aber beschleunigt er damit den Ausverkauf von Land und Bodenschätzen. Dann wird vom Fonds drittens die Durchsetzung „marktgerechter Preise“ verlangt, womit die Preise für Nahrungsmittel, Wasser und Energie geradezu explodieren. Viertens wird der Abbau von Importzöllen gefordert. Angeblich um die Einfuhr moderner Technologien zu fördern, in Wahrheit aber zur Erschließung neuer Absatzmärkte für die kapitalistischen Hauptländer. Zur Paradoxie der ganzen Geschichte passt, dass die EU nicht etwa im gleichen Maße ihre eigenen Importzölle abschafft, sondern die meisten afrikanischen Einfuhren weiterhin mit Zöllen belegt.  

Die EU hat gleichzeitig maßgeblich dazu beigetragen, die afrikanische Landwirtschaft zu zerstören, weil sie ihre subventionierten Milch- und Fleischüberschüsse  zu Dumpingpreisen auf dem afrikanischen Markt verscherbelt. So hat Brüssel jüngst die Zuschüsse für den Fleischexport deutlich erhöht, so dass heute 40 Prozent der europäischen Hühnerproduktion nach Afrika gehen. Mit dem Erfolg, dass Millionen afrikanischer Bauern ihre Existenzgrundlage verloren.[2] Das gleiche Schicksal erlitten Millionen afrikanischer Milchproduzenten, weil die EU subventioniertes Milchpulver nach Afrika exportiert, wodurch ein Liter aus Pulver gewonnener Milch nur noch einen Bruchteil der afrikanischen Frischmilch kostet.

 


[1] Der große Plan: IWF-Kredite als Mittel zur Ausbeutung der Völker, deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/11

[2] Thomas Gebauer, Hoffen und Sterben, Flucht und Abschottung in Zeiten globaler Krisen, Blätter für deutsche und internationale Politik, 6/2015. S.45

 

Biodiesel – Treibstoff für den Hunger

Marx berichtet wie im 18. Jahrhundert auf den britischen Inseln die Menschen vom Land vertrieben wurden, weil die Ackerfläche in Weideland für Schafe verwandelt wurde, um Wolle für die Tuchindustrie zu liefern und zitiert einen Zeitgenossen, der dazu einen zynischen Kommentar lieferte: England sei ist das einzige Land der Welt, in dem die Schafe die Menschen fressen. Heute, Jahrhunderte später, werden in Afrika  gewaltige Landstriche entvölkert, um auf ihnen den Rohstoff für Biodiesel zu produzieren. "Es ist ein Verbrechen gegen die Menschheit, auf einem landwirtschaftlich ertragreichen Boden Nahrung zu produzieren, die dann für Biokraftstoffe verbrannt wird", sagte Ziegler, ehemals UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und fordert einen mindestens fünfjährigen Stopp der Biodiesel-Produktion.[1] Für die Produktion von 50 Litern Bioethanol benötigt man 232 Kilo Mais. Davon kann ein Kind in Sambia ein Jahr lang leben.

Wie viel landwirtschaftlich nutzbare Fläche inzwischen für die Biodieselherstellung genutzt wird, ist kaum zu ermitteln, weil die Masse des afrikanischen, Bodens weder Privat- noch Staatsbesitz ist, auch nicht katastermäßig erfasst wird, sondern unter der traditionellen Verfügungsgewalt der herrschenden Clans steht. Sie verkaufen das Land oder die Nutzungsrechte an Investoren und importieren zur Festigung ihrer eigenen Macht überwiegend Rüstungsgüter oder horten den Profit auf Schweizer Bankkonten. Experten schätzen: „Bis zum Jahre 2025 werden zwei Drittel der afrikanischen Agrarfläche verschwunden und weitere 135 Millionen Menschen auf der Flucht sein.“[2]   

Fast noch dramatischer als die Umnutzung von Flächen der Nahrungsmittelproduktion für den Anbau industrieller Rohstoffe, ist der damit verbundene Rückgang der Nahrungsmittelproduktion. Die Folge ist eine weltweite Explosion der Nahrungsmittelpreise, die von Ökonomen als Hauptursache zunehmender Hungersnöte eingestuft wird. Nach einer von der Welthungerhilfe in Auftrag gegebenen Studie soll das Spiel an den Nahrungsmittelbörsen für 15 Prozent der Teuerung verantwortlich sein. Vielleicht einer der wichtigsten Gründe für die Preisexplosion ist nach Worten des Nestlé-Vorstandsvorsitzenden Peter Brabeck-Letmathe aber der Umstand, dass immer mehr Anbauflächen für die Herstellung von Biodiesel abgezweigt werden. In Zeiten hoher Erdölpreise wechseln viele Farmer von der Nahrungs- zur Treibstoffproduktion über. Nach Angaben der US-Agrarbehörde USDA werden in diesem Jahr 40 Prozent der Maisproduktion dazu benutzt, Autotanks zu füllen. "Würden wir die Produktion von Biodiesel untersagen, hätte das eine sofortige Entspannung der Nahrungsmittelpreise zur Folge", sagt Brabeck-Letmathe.“[3]

 


[1] Biodiesel ist "Verbrechen gegen Menschheit" derStandard. 19. November 2007

[2] Thomas Gebauer a.o.O. S.45

 

 

…am Ende bleibt nur noch die Flucht

Wer sich fragt, weshalb in Afrika Staaten zerfallen, Terrormilizen die Macht übernehmen und sich Millionen von Menschen auf den Weg nach Europa machen, sollte die Ursachen nicht bei ethnischen oder religiösen Konflikten suchen, sondern davon ausgehen, dass der Hauptgrund die neoliberale Freihandelsideologie und der von Finanzinstituten und globalen Konzernen betriebene Raubbau ist. Wo immer seit Jahrtausenden bestehende Zivilisationen zerstört werden, entwickeln sich erst Hunger, dann kriegerische Auseinandersetzungen und schließlich gewaltige Fluchtbewegungen. Die EU aber verharrt bei Strategien, sich die Flüchtenden vom Leib zu halten oder den Zustrom zu managen. Dabei hat sich als Antwort auf das Massenelend in den Ursprungsländern längst schon eine Art Migrationsökonomie verfestigt, der schwer beizukommen ist. Ins Elend geratene Familien schicken ihre am besten qualifiziertesten und leistungsfähigen Mitglieder auf den Weg nach Europa, damit sie dort Arbeit finden und durch regelmäßige Geldüberweisungen die Existenz der Familie sichern. Thomas Gebauer hat dies als eine „Globalisierung von unten“ bezeichnet und stellt fest: „Inzwischen sind viele Herkunftsländer auf den Exodus qualifizierter Arbeitskräfte angewiesen. (…) In den zurückliegenden Jahren lag das Volumen dieser Rücküberweisungen regelmäßig bei etwa 300 Mrd. US-Dollar und damit deutlich über den 100 Mrd. Dollar, die der reiche Norden jährlich für die öffentliche Entwicklungshilfe zur Verfügung stellt.“[1]

 


[1] Thomas Gebauer a.o.O. S.46