Harald Werner - Alles was links ist
 

Falsche Gewissheiten…

Europa, vor allem aber die Bundesrepublik Deutschland, versteht sich selbst als ein Hort der Stabilität, des Friedens und auch des Wohlstands. Dass dies rund um Europa, im Nahen Osten wie in Afrika ebenso gesehen wird, ist noch nie so deutlich geworden wie in den letzten Monaten, in denen Hunderttausende zu uns flüchteten. Und weil dieser Strom anhalten wird, macht sich Panik breit. Vor allem auch deshalb, weil uns die mediale und durch das Internet beschleunigte Globalisierung in Echtzeit am Weltgeschehen teilhaben lässt. Damit verbindet sich jedoch das Problem der Reizüberflutung und der Überlagerung rationaler Informationen durch eine auf Emotionen gestützte Berichterstattung. Unter diesem Wahrnehmungsproblem leiden freilich nicht nur Zeitungsleser und Fernsehzuschauer, sondern auch die Medienmacher selbst, die sich längst schon daran gewöhnt haben, Tatsachen durch Bilder zu ersetzen und Meinungen zu verbreiten, wo zunächst einmal Informationen notwendig sind. Dass die Politik von diesem Wahrnehmungsproblem nicht verschont wird, zeigt sich nirgendwo besser, als in ihrer aktuellen Hilflosigkeit. Die durch Beschäftigungsabbau geschwächten Behörden, vor allem in den Kommunen, sind ebenso überfordert, wie die herrschende politische Klasse, die plötzlich erkenn muss, dass die EU ein äußerst instabiles Gebilde ist, das schneller auseinander brechen kann, als man je dachte.

…und schnelle Lernprozesse

Das Erfreulichste in der gegenwärtigen Krise, und das besonders in der BRD, ist die Lebendigkeit der Zivilgesellschaft. Die private Hilfsbereitschaft und die Selbstorganisationsfähigkeit in den Kommunen ist überwältigend. Was für eine Chance für die Politik, endlich ihre Marktgläubigkeit zu überwinden und die Schöpferkraft des Gemeinwesens neu zu entdecken und einzusehen, dass der Personalabbau in den Verwaltungen verheerende Folgen hat, wenn es wirklich ernst wird.

Nicht weniger wichtig die ernüchternde Einsicht, dass uns Afrika und der Nahe Osten sehr viel näher sind, als bisher gedacht und der reiche Norden nicht nur Verantwortung dafür trägt, was in diesen Ländern geschehen ist, sondern jetzt auch seinen Eurozentrismus in Frage stellen muss. Europa, diese angebliche Festung der Stabilität, ist endgültig gefallen und es steht nicht mehr als die Frage an, welche neue Ordnung zu schaffen ist, um ein solidarisches Miteinander mit den Ländern des Südens und des Nahen Ostens zu ermöglichen.

Das Gleiche gilt natürlich für das Innenverhältnis der EU, der in der Flüchtlingsfrage alle ihre inneren Widersprüche offenbart werden. Nicht nur im Hinblick auf das sehr unterschiedliche Verhalten gegenüber den Flüchtlingen, sondern auch in der Frage, ob sie eine Wettbewerbs- oder doch eher eine Solidargemeinschaft sein will. Die Flüchtlingskrise eröffnet deshalb auch die Gelegenheit, ein neues Europa zu begründen.

Harald Werner 4. September 2015